Mit leichtem Gepäck - Ein Plädoyer für das Loslassen
- tanja5346
- vor 18 Stunden
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Mit leichtem Gepäck (Foto: Madison Oren - Unsplash.com)
Unsere Welt steht Kopf, verändert sich rasant. Da will auch ich beweglich sein. Weniger festhalten. Mehr Raum schaffen.
Mein Motto für 2026 lautet daher: "Loslassen - um beide Hände frei zu haben."
Zu viel Ballast belastet
Nach zwei Wochen Urlaub komme ich Anfang Januar nach Hause. Mein Blick fällt auf das große Bücherregal. Der Anblick erschlägt mich fast. Bücher liegen quer übereinander, stehen voreinander, verschwinden in der zweiten oder dritten Reihe. Staub sammelt sich darauf. Es ist ein einziges Durcheinander. Und zu viel. Ich bin eine große Bücherliebhaberin. Ich und Buch - das gehört zusammen. Seit meinem Psychologiestudium in den 1990er Jahren haben sich Hunderte von Büchern angesammelt. Die Unübersichtlichkeit kommt auch dadurch, dass Struktur und Ordnung fehlen. Ich versuche erst gar nicht, dort ein Buch zu suchen.
Besitz kann auch beschweren. Mir wird klar: Hier besteht Handlungsbedarf.
Auszug aus dem Lied "Leichtes Gepäck" von Silbermond (2015)
Und eines Tages fällt dir auf
Dass du 99 Prozent davon nich' brauchst
Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg
Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck
Mit leichtem Gepäck
Ab heut: Nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut: Nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut: Nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut: Nur noch leichtes Gepäck
Zu Beginn: Vision vor Augen haben
Zuerst male ich mir aus, wo ich eigentlich hin will. Wie ich möchte, dass mein Bücherregal danach aussieht. Ich stelle mir ein aufgeräumtes, halbleeres Bücherregal vor. In dem Zukunftsbild sind die Bücher darin sortiert - nach Größe, Farbe oder Inhalt. Sichtbar und zugänglich. Mit Platz dazwischen, der den Blick auf die weiße Rückwand freigibt. Und ich stehe freudig davor. Denn äußerer Raum schafft inneren Raum. Platz im Bücherregal und im Kopf. Ich habe einen Überblick, was ich besitze und was ich wirklich lesen will. Und finde, was ich suche. Das Bücherregal wieder zu einem Ort, dessen Anblick Freude macht. Und Lust zu lesen. Schön!

Inspiration für meine Vision (Foto: Alex Lvrs – Unsplash.com)
Meine Loss-Challenge 2026
Aus der Vision leite ich meine konkrete Challenge ab.
Im Januar und Februar nehme ich mir jede Woche mindestens 3 Stunden für das Aufräumen des Bücherregals Zeit. Ich werde kontinuierlich Bücher aussortieren, die dann im Rucksack zum öffentlichen Bücherschrank getragen oder online verkauft werden.
Das ist realistisch - und motiviert mich. Damit erreiche ich voraussichtlich noch nicht meine Vision, mache aber einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Im März könnte ich dann eine zweite Challenge formulieren - wenn ich Lust habe.
Aussortieren ist Arbeit
An einem Samstag sitze ich vor dem Bücherregal. Um Auszumisten. Schon das Wort stört mich. Aussortieren trifft meine Stimmung besser. Und die ist schlecht. Ich taste mich langsam heran, begrenze mich auf zwei Regalböden, auf denen eher Sachbücher stehen. Für meine Stimmung mache ich meinen Lieblingsradiosender DLF Nova an und trinke eine Tasse Tee. Das hilft.
Ich nehme die Bücher heraus und sortiere sie nach dem Genre:
Wissenschaft & Ratgeber (Sachbuch)
Kochbücher (Sachbuch)
Reiseführer (Sachbuch)
Belletristik
Kinder-/Jugendbuch
Dann wird es ernst. Jedes Buch nehme ich einzeln in die Hand und frage mich: Brauche ich es wirklich? Hängt mein Herz dran? Fürs Antworten gebe ich mir maximal 3 Minuten Zeit. Und erlaube mir drei Antwortkategorien:
Ja, darf bleiben
Nein, weg damit
Vielleicht
Auf den Vielleicht-Stapel kommen die Bücher, bei denen ich mich partout nicht entscheiden kann. Das passiert bei den Wissenschaftsbücher besonders häufig. Ohne "Vielleicht" käme ich ins Stocken. Und würde - statt eine Entscheidung zu treffen - ins Lesen verfallen. Eine sehr verlockende Option, der es zu widerstehen gilt.
Vier Regeln unterstützen mich bei der Entscheidung, was geht und was bleiben darf.
Loslass-Regel 1: Veraltet, aber leicht ersetzbar? Weg damit!
Ich starte mit den Reiseführern. Hier ist die Sortierungsregel schnell gefunden: Bücher, die älter als zwei Jahre sind, sind nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Wenn ich wieder dorthin reise, kaufe ich mir die neuste Version. Diese Reiseführer wandern auf den Wegwerf-Stapel.
Ähnlich leicht fällt mir die Entscheidung bei den Kochbüchern. Ist das Design veraltet, weg damit! Es gefällt mir nicht mehr.
Auch bei meinen wissenschaftlichen Büchern sind viele fachlich nicht mehr up-to-date. So schnell vergehen 30 Jahre! Und ich muss zugeben, dass ich in dieser Zeit nur wenige in der Hand hatte. Geschweige denn einen Blick reingeworfen habe. Und tschüss!
Natürlich gibt es Ausnahmen: Grundlagenwerke, wie z.B. "Psychologie" von Zimbardo dürfen bleiben. Siehe Halte-Regel 2. Oder mein erstes, abgegriffenes Kochbuch. Das gibt es nicht mehr zu kaufen.
Loslass-Regel 2: Kein Wiederlesewunsch? Weg damit!
Die meisten Romane, die ich gelesen habe, sind gute Unterhaltung. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Sie sind genau richtig für die Abendlektüre oder den Sommerurlaub. Sie binden meine Aufmerksamkeit und holen mich aus meinem Alltag heraus. Dazu gehören zum Beispiel die Krimis von Jean-Luc Bannalec oder Romane von Jojo Moyes.
Möchte ich sie noch einmal lesen? Nein! Da ist die Entscheidung klar: Sie landen auf dem "Weg damit!"-Stapel.
Halte-Regel 1: Was mir lieb und teuer ist, bleibt
Irgendwann halte ich den Roman „Kruso“ von Lutz Seiler in der Hand. Und ich weiß sofort: Das bleibt. Seine Geschichte hat mich tief berührt und bereichert. Sie spielt auf der Insel Hiddensee, kurz vor die Grenzöffnung zwischen Ost- und Westdeutschland. Eine Zeit des Umbruchs. Und eine eigene, unglaubliche Welt. Für die Hauptfigur Ed vermischen sich Realität, Sehnsucht und Fiktion. Durch seine Augen zu blicken, ermöglichte mir, in ein völlig anderes Leben zu schlüpfen. Ich habe eine emotionale Bindung zu der Geschichte und dem Buch. Es löst ein schönes, warmes Glücksgefühl in mir aus.
Halte-Regel 2: Was zu meiner Identität gehört, bleibt
Lesen ist für mich Hobby. Und eine Selbstdarstellung. Sie zeigen, wer ich bin. Und gehören zu mir. Insbesondere an Fachbüchern hängt mein Herz. Sie sind meine intellektuellen Wurzeln. Und haben für mich eine symbolische Bedeutung. Sie stehen für Bildung und Wissen. Das gibt mir Halt und Sicherheit. Daher dürfen Klassiker bleiben.

Wissenschaftliche Bücher & Ratgeber, die bleiben dürfen. Erstmal. (Foto: Tanja Czech)
Loslassen ist oft anstrengend
Viele Entscheidungen fallen mir leicht, andere fallen mir schwer. Dann wird es zu einem inneren Klärungsprozess. Dabei treten Hindernisse, die das Aussortieren verhindern. Dafür lege ich mir eine bewährte Strategie aus dem mentalen Training zurecht: Zuerst stelle ich mir genau vor, was das Aussortieren so schwierig macht. Dann übe ich innerlich neue Wege ein.
Hindernis 1: Miese Gefühle
Beim Reiseführer Amsterdam kann ich mich nicht entscheiden. Erinnerungen an den schönen Städtetrip mit meiner Familie tauchen auf. Mit dem Buch möchte ich die Erinnerungen bewahren. Es wegzugeben, fühlt sich wie ein Verlust an. Das ist der paradoxe Augenblick des Abschieds: Wenn etwas zu Ende geht, wird es plötzlich besonders wertvoll. Wehmut und Nostalgie machen sich breit. Diese Gefühle sind unangenehm, ich möchte sie am liebsten wegdrücken.
Stattdessen benenne und spüre ich es bewusst: "Da ist Traurigkeit in mir." Und mit einer freundlichen Haltung: "Es ist okay, traurig zu sein." Dann merke ich, wie das Gefühl sich verändert. Ich gebe mir einen Ruck, mache noch ein Foto des Buchs und lege es dann auf den Nein-Stapel. Danach ist da etwas Neues: Die Ahnung von Leichtigkeit.
Hindernis 2: Unerreichbare Ideale
Sachbücher kaufe ich, weil der Titel spannend klingt. Ich bin interessiert, möchte mich davon inspirieren lassen. Mein Optimismus verleitet mich dann dazu, mich zu überschätzen. In meiner Fantasie fließt der Buchinhalt wie mit einem Trichter in mein Gedächtnis. Und ist - bähm - dort verfügbar. Die Realität sieht anders aus: Das Lesen braucht Muße und Zeit. Und die ist begrenzt. Daher stapeln sich ungelesene Bücher in meinem Regal. Und SuB - kurz für Stapel ungelesener Bücher - macht mir ein schlechtes Gewissen. Sie zeigen, dass ich nicht so bin, wie ich sein möchte. Oder sein soll. Das macht mich unzufrieden.
Mit Erleichterung lese ich, dass es im Japanischen für die SuB-Situation sogar ein eigenes Wort gibt: Tsundoku. Dann scheine ich damit ja nicht alleine zu sein.
Loslassen heißt hier: An meiner Identität zu arbeiten . Puh, deep work.
Ich mache mich auf die Suche nach einem realistischeren Selbstverständnis. Als erstes setze ich mir deutlich kleinere Ziele: "Es ist genug, ein Buch anzulesen. Ich muss es nicht komplett lesen." Dann ermutige ich mich selbst: "Ich gebe mein Bestes, ich muss nicht alles wissen. Niemand kann das."
Hindernis 3: Erinnerung an früher
Einige Bücher sind 30 Jahre alt. Lange her. Sie gehören zu früheren Lebensphasen, und erinnern mich daran. "Die Rättin" von Günther Grass zum Beispiel. Oder Kinderbücher, die meine Tochter bereits aussortiert hat. Ein Teil von mir möchte nicht akzeptieren, dass die Zeit unwiederbringlich vorbei ist, ich älter geworden bin. Lieber möchte ich in der Vergangenheit leben und an meinem früheren Ich festhalten. Und dafür Bücher bewahren, auch wenn es mich unbeweglich macht.
Ich unterdrücke den Impuls, die Bücher in eine Kiste zu packen und in den Keller zu stellen. Das wäre Vermeiden im Sinne von aus den Augen, aus dem Sinn.
Stattdessen übe ich einen neuen inneren Weg: Ich würdige, was damals mit dem Buch gut und möglich war, wie z.B. Nähe spüren, Zeit haben, mich entwickeln. Dann frage ich mich, was heute schön ist, was sich heute zu lesen lohnt. Das Üben dieser Balance zwischen gestern und heute hilft mir, die Vergangenheit - und das Buch - loszulassen.
"Es war einmal" darf wahr werden.
Mein Fazit
Nach drei Stunden steht ein großer Vielleicht-Stapel vor mir. Über 40 Bücher. Das macht meinen Lese-Anspruch konkret sichtbar. Zu viele für ein Jahr.
Ich gebe mir Zeit - und einen neuen Vorsatz für 2026: Was ich bis Anfang 2027 nicht angelesen habe, geht. Ohne Diskussion.

Wissenschaftliche Bücher, die es nicht geschafft haben (Foto: Tanja Czech)
Auf die stattlichen Nein-Stapel bin ich stolz. Alleine die wissenschaftlichen Bücher stapeln sich bis auf Höhe Tischkante. Belletristik ist deutlich mehr. Sie kommen nach und nach in den Rucksack. Und etwas später in den Bücherschrank. Auf dem Heimweg fühle ich mich befreit und erleichtert. Es macht Spass, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu verändern. Sich zu verändern.
Aufräumen macht glücklich. Das hätte ich schon viel früher angehen können.




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